Hugo Boss: Intransparente Lieferkette

24. Mai 2017  Allgemein

In der Zentrale des Modekonzerns in Metzingen
Foto: dpa/Sebastian Kahnert

Neues Deutschland 23.05.2017
Textilindustrieexpertin Gisela Burckhardt über Missstände bei Hugo Boss
Frau Burckhardt, warum haben Sie sich eine Aktie von Hugo Boss zugelegt? Ist das Unternehmen für luxuriöse Mode über Nacht nachhaltiger, fairer und transparenter geworden?
Das leider nicht und genau deshalb habe ich mir eine Aktie gekauft, denn damit habe ich mir Rederecht auf der Hauptversammlung erkauft. Die 80 bis 100 Euro sind für mich also nur ein Vehikel, um dort teilnehmen zu können, aber ich arbeite auch mit den Kritischen Aktionären zusammen, um die Anteilseigner auf Missstände aufmerksam zu machen. Das mache ich nicht zum ersten Mal.
Ist die Hugo Boss AG also kein faires, transparentes Unternehmen?
Eben nicht. Derzeit kritisieren wir vor allem die mangelnde Transparenz des Unternehmens, aber früher haben wir bereits anhand von konkreten Fällen die Produktionsbedingungen in Indien und Bangladesch kritisiert. Beim letzten Mal war ich mit einer Kollegin aus Indien auf der Hauptversammlung und da haben wir unsere Recherchen bei Zulieferern in Indien vorgestellt, im Jahr davor waren die Arbeitsbedingungen bei den Boss-Zulieferern in Bangladesch das Thema.


Hat die Kritik Effekte gehabt?

Durchaus. Ein Zulieferer, dessen Arbeitsbedingungen wir wegen Menschenrechtsverletzungen kritisiert hatten, wurde als Lieferant gestrichen. Worauf wir in diesem Jahr hinaus wollen, ist die fehlende Transparenz in der Lieferkette: Woher bezieht das Unternehmen seine Stoffe und Materialien, wo lässt es nähen und so fort? Wir sind dabei Teil der Transparenz-Initiative, der neben der Kampagne für Saubere Kleidung auch Human Rights Watch angehört. Wir fordern die Offenlegung der Lieferkette und zwar en detail: Wie heißt die Fabrik, welche Produkte werden dort hergestellt, wie heißt die Muttergesellschaft, wem gehört sie und wo befindet sich der Stammsitz? Das nennt man auf internationaler Ebene »Transparency Pledge«. Wir haben insgesamt 70 Unternehmen, darunter sechs deutsche, angeschrieben. Lidl, Aldi und Tchibo haben sich bereiterklärt, die Lieferkette offenzulegen. Noch nicht in der Gesamtheit wie Esprit, aber in Teilen. Und das ist ein erster Schritt. Kik und Hugo Boss heißen die beiden Unternehmen, die da noch deutlich hinterherhinken.

Warum lässt ausgerechnet ein Unternehmen wie Hugo Boss, das auf exklusive Mode setzt und satte Gewinnspannen erzielt, sich die Produktion nicht etwas mehr kosten, sorgt für faire Löhne und so für ein positives Image?
Das ist genau die Frage, die ich auch in den Raum stelle. Wenn Hugo Boss in Sachen Arbeitsrechte und faire Löhne vorangehen würde, könnte es letztlich mit diesem positiven Umgang werben. Aber so weit ist das Unternehmen nicht, was ein Aktionär im letzten Jahr auch monierte, als die Verantwortlichen darauf hinwiesen, dass sie sich am Mindestlohn orientieren. Er sagte: »Ich hoffe, Sie zahlen in Deutschland nicht auch nur den Mindestlohn, oder?« Doch genau daran orientiert sich das Unternehmen auch in Deutschland.

Das ist zu wenig. Eigentlich müsste es einen existenzsichernden Lohn, den Living Wage, geben.
Genau der muss das Parameter sein – ein Lohn, der sich an den Lebenshaltungskosten orientiert, an dem, was eine vierköpfige Familie braucht und nicht an dem, was Unternehmer und Regierungen festlegen. Da hinkt Hugo Boss erheblich hinterher, genau so wie im Bereich der Transparenz.

Hat sich das Unternehmen, das auch in Bangladesch produziert, am Fonds für die Opfer des Rana-Plaza-Einsturzes beteiligt?
Hugo Boss hat dort nicht produziert und sich auch nicht an dem Fonds beteiligt.

Gibt es einen Dialog mit dem Unternehmen?

Ja, den gibt es seit einem Jahr. Da wurde ein neuer CEO, Mark Langer, vorgestellt, der auf Dialog setzt und der auch mich schon zu einem »Stakeholder-Treffen« eingeladen hat.

Also reagiert der Konzern, wenn auch langsam?

Die Sensibilität ist bei Hugo Boss durchaus gewachsen und wir wollen dazu beitragen, dass sie weiter wächst.

Die Textil- und Entwicklungspolitikexpertin Gisela Burckhardt (geb. 1951) ist Vorstandsvorsitzende der Frauenrechtsorganisation FEMNET. Im Rahmen der Kampagne für saubere Kleidung setzt sie sich für faire Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie weltweit ein.