27 Feb. Gemeinderat: Videoüberwachung löst keine Probleme
Reutlingen, 23.02.26 – Auf Basis geänderter Landesgesetze plant die Stadtverwaltung, die Videoüber-wachung auf Orte wie den Listplatz auszuweiten. Das ist der falsche Weg: Kameras ersetzen keine Prävention – und schon gar nicht die Hilfe, die viele Menschen im öffentlichen Raum tatsächlich brauchen.
Kameras greifen nicht ein. Viele Gewalttaten entstehen im Affekt oder unter Drogeneinfluss. In solchen Situationen sind Kameras den Tätern egal. „Eine Kamera kann nicht deeskalieren, nicht dazwischengehen, nicht helfen, nicht schützen“, so Stadtrat Timo Widmaier. Die Ausweitung der Überwachung wirkt wie ein billiger Ersatz für Maßnahmen, die tatsächlich helfen können: Streetworker*innen, Sucht- bzw. Krisenberatung und auch Streifen, die ansprechbar sind und eingreifen können. „Wer es ernst meint mit Sicherheit, muss Menschen schicken – nicht Kameras“, erklärt Widmaier.
Videoüberwachung trifft auch nicht einige wenige, sondern alle: Jugendliche, Berufstätige auf dem Weg zur Arbeit, Familien. Permanente Kameras verändern die Atmosphäre einer Stadt. Sie erzeugen – ähnlich wie Terrorsperren auf Weihnachtsmärkten – ein Gefühl der Beklemmung und des Kontrolliertwerdens. Doch anders als diese schützen Kameras nicht konkret vor Gefahren, sondern versprechen lediglich gefühlte Sicherheit. Bezahlt wird dafür mit einem Verlust an Freiheit und Leichtigkeit im Alltag. „Statt Vertrauen und soziale Infrastruktur auszubauen, wird Misstrauen zur Stadtpolitik“, kritisiert Widmaier.
„Wir reagieren hier mit Verdrängung statt mit Unterstützung“, meint Stadtrat Rüdiger Weckmann, Sozialarbeiter und Fraktionssprecher. „Wer Probleme im öffentlichen Raum mit Kameras beantwortet, bekämpft nicht die Ursachen – sondern verschiebt sie.“. Probleme wandern – und werden schwerer erreichbar. Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen: Wo überwacht wird, weichen Menschen aus. Das bedeutet nicht weniger Konflikte – sondern andere Orte. „Die Menschen suchen sich neue Plätze. Damit werden sie für aufsuchende Hilfen wie Streetwork oder Polizei schwerer auffindbar“, so Weckmann. „Die Probleme verschlimmern sich – und verteilen sich über die Stadt.“
Stattdessen: Echte Sicherheit durch Hilfe, Präsenz und Prävention:
- Sicht- und ansprechbare Streifen mit für Konfliktsituationen geschulten Polizeikräften und Mitarbeiter*innen des Kommunalen Ordnungsdienstes – tagsüber und in den Abendstunden.
- Beleuchtung, Infrastruktur und Prävention (saubere, helle Räume, Nachtangebote, Anlaufstellen)
- Keine Kürzungen bei Sucht- und Drogenhilfe sowie Ausbau von aufsuchender Sozialarbeit
„Wer Sicherheit will, muss präsent sein“, fasst Widmaier zusammen. „Videoüberwachung löst keine Probleme, sondern verschiebt und verschlimmert sie.“
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