Gerta Taro und der Spanische Bürgerkrieg

23. April 2018  Allgemein


Aus unserer Stadtzeitung “ebbes gscheids” April 2008

Wer war Gerta Taro? Portrait einer Frau, die ihre Jugend teilweise in Reutlingen verbrachte.
Als Fotografin im spanischen Bürgerkrieg an der Seite ihres Lebensgefährten Robert Capa wurde sie weltbekannt. Als sie, 27-jährig, bei einem Angriff der deutschen „Legion Condor“ ums Leben kam, wurde ihr Begräbnis auf dem Pariser Friedhof „Père-Lachaise“ zur Großdemonstration gegen den Faschismus. Der chilenische Dichter Pablo Neruda war dabei und der französische Dichter Louis Aragon hielt die Trauerrede. Ihre Kindheit verbrachte sie zum Teil in Reutlingen. Ihre Familie stammte aus Ostgalizien am östlichsten Ende der Habsburger Monarchie. Als sich um die Jahrhundertwende im angrenzenden zaristischen Russland Antisemitismus ausbreitete, flohen viele jüdische Familien. Auf diese Weise landete die Familie Pohorylle, so Gerta Taros eigentlicher Familienname, in Stuttgart, wo Gerta am 1. August 1910 geboren wurde.

Eierhandlung in der Katharinenstraße 10
Später zogen sie nach Reutlingen, denn dort betrieb der Bruder ihres Vaters, Moritz Pohorylle, eine gut gehende Eierhandlung in der Katharinenstraße 10 (ehem. Buchhandlung Knödler, jetzt Ramschladen). Gerta lebte mit ihrer Familie in der Liststraße 20. Ihr Vater Heinrich war weniger geschäftstüchtig als sein Bruder Moritz und die Familie lebte in recht ärmlichen Verhältnissen. „Als Gerta, 1917 eingeschult, einmal einige Schulkameradinnen zu sich nach Hause einlud und die sich wunderten, wie ärmlich und improvisiert es dort aussah, tat sie dies nie wieder – sie schämte sich, auch als sie am Sabbat, am Samstag, zwar zur Schule ging, dort aber nicht mitmachte und beispielsweise kein Geld anfasste, von den Mitschülerinnen als Jüdin scheel angesehen
wurde.“
Die Familie war mittlerweile nach Stuttgart umgezogen, wo Heinrich Pohorylle unter anderem auch mit Eierhandel versuchte, wirtschaftlich Boden zu fassen. 1929 zog die Familie aber nach Leipzig, wo sich Heinrich Pohorylle mit Unterstützung seines erfolgreichen Bruders abermals im Eierhandel versuchte. Dieses Mal mit mehr Erfolg, so, dass sich die Familie eine große Wohnung leisten konnte und Gerta sich auch nicht mehr schämen musste, wenn sie Freundinnen einlud. Auf der Höheren Mädchenschule und im sozialistischen Turn- und Sportverein in Leipzig hatte Gerta erste Kontakte zu Menschen, die nicht Willens waren, Ungerechtigkeiten hinzunehmen. So mit Georg Kuritzke, dem Sohn von Dina Gelbke, die als überzeugte Kommunistin eine frühe Weggefährtin Lenins war.

Flugblätter gegen die Nazis
Mit Georg, engagiertes Mitglied im kommunistischen Jugendverband, hatte sie zwar ein Liebesverhältnis, ließ sich aber nicht in dessen Arbeit bei den organisierten Kommunisten einbinden. Nach der Machtübernahme der NSDAP im Januar 1933, als die Verfolgung von Kommunisten, Sozialisten und Juden begann, engagierte sie sich allerdings aktiv gegen die Nazis, klebte Plakate und verteilte Flugblätter der illegalen KPD und deren Jugendorganisation KJVD. Im März dieses Jahres wurde sie verhaftet und kam in Schutzhaft. Ihr gelang es aber, die Rolle des ahnungslosen Mädchens zu spielen und weil sie zudem einen polnischen Pass hatte und vom Konsulat unterstützt wurde, kam sie nach 17 Tagen Haft frei. Im Spätherbst 1933 gelang ihr die Flucht nach Frankreich. In Paris lebte sie zunächst sehr ärmlich, wie Tausende anderer Emigranten aus Deutschland. Sie hatte Kontakt zu anderen Antifaschisten und lernte den ungarischen Fotografen André Friedmann kennen. So begann auch Gerta selbst zu fotografieren. Gerta fand Arbeit bei einer angesehenen Fotoagentur und hatte jetzt Gelegenheit, das zu lernen, was sie später berühmt machte.

Der Fotograf Robert Capa
André Friedmann und Gerta Pohorylle legten sich jetzt Künstlernamen zu: Robert Capa und Gerta Taro. In Zukunft arbeiteten sie als Team vorwiegend für linke Publikationen, beide waren unorganisiert, hatten aber große Sympathie mit der spanischen Volksfront, die seit Mai 1936 in Madrid an der Regierung war. Die entscheidende Wende war für beide der Franco-Putsch im September desselben Jahres.

Im spanischen Bürgerkrieg
Gerta Taro und Robert Capa waren schon seit August in Barcelona und sie waren als Kriegsreporter Teil der republikanischen Truppen. So entstanden die aufrüttelnden Reportagen über den Abwehrkampf der spanischen Republik gegen Francos Faschisten. Die Bilder, weltweit, u.a. im US Magazin ‚Life‘ veröffentlicht, machten die beiden weltberühmt. Gerta Taro und Robert Capa, beide überzeugte Pazifisten, waren „meist an vorderster Front zu finden, wobei sie sich … vor allem für die einzelnen Menschen, ihren Alltag, ihren Triumph, aber auch ihre Leiden interessierte.“

Opfer der „Legion Condor“
Das Bild des sterbenden republikanischen Soldaten Federico Borrell García erschütterte die Welt. Sie lernte Ernest Hemingway kennen, dessen Roman „Wem die Stunde schlägt“ auf dem Hintergrund der Abwehrschlacht der republikanischen und internationalen Truppen entstand. Am 25. September 1937, während eines Angriffs von Flugzeugen der deutschen „Legion Condor“ wurde Gerta Taro beim tumultartigen Rückzug der republikanischen Truppen von einem ausbrechenden Panzer erfasst und schwer verletzt. Wenige Stunden später starb sie. Ihre Familie war längst aus Reutlingen und Deutschland nach Osteuropa geflüchtet, doch auch die meisten ihrer Familienangehörigen wurden als Juden nach dem Einmarsch der deutschen Truppen, wie Gerta Taro, zu Opfern des deutschen Faschismus.

Am 1. August 1910 wurde sie an ihrem 27. Geburtstag in Paris beerdigt
Tausende von Menschen gaben ihr das letzte Geleit zum Friedhof Père-Lachaise in der Stadt ihres Exils. Neben anderen hielten die Dichter Pablo Neruda und Louis Aragon Trauerreden, der Bildhauer Alberto Giacometti hatte das Grabmal gestaltet. Zwei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs war die Beerdigung auch eine Demonstration gegen den Faschismus in Europa.

Bernd Serger, Karin Anne Böttcher: Es gab Juden in Reutlingen. Der Artikel stützt sich im Wesentlichen auf den Beitrag von B.Serger – mit Genehmigung des Autors.