Menschen zuerst! Warum es nicht nur um Einnahmen geht.

Menschen zuerst! Warum es nicht nur um Einnahmen geht!

Immer wieder hört man „Deutschland ist ein reiches Land!“. Schauen wir auf die Vermögensverteilung in Deutschland, scheint dieser Reichtum nur bei einer sehr kleinen Gruppe anzukommen. Das obere 1% der Bevölkerung besitzt rund 35% des Gesamtvermögens.  [1][2] Noch deutlicher wird es, wenn wir die Vermögensverteilung der oberen und unteren Hälfte betrachten. Demnach besitzt eine Hälfte der Bevölkerung 99,5% des Gesamtvermögens, während die restlichen 0,5% auf die andere Hälfte fällt. [3] Wenn laut Bundesbank das Gesamtvermögen (inkl. Sachwerten) bei ca. 20 Billionen liegt, dann sind 0,5% davon 100 Mrd. €. [4] Bereits die zwei reichsten Familien in Deutschland besitzen diese Summe an Vermögen, also mehr oder gleich viel wie 42 Millionen Menschen zusammen. [5] Wie viele Stunden muss gearbeitet werden, um ein derartig hohes Vermögen aufzubauen? Dafür reicht ein Leben nicht aus. Tatsächlich wird mehr als die Hälfte aller Vermögen in Deutschland, geerbt oder durch Schenkungen erhalten und nicht erarbeitet. [6] Jedes Jahr werden bis zu 400 Mrd. € vererbt. Dabei fällt die Hälfte auf die reichsten 10%. [7] Das Verhältnis von 99,5% zu 0,5% wird dabei mit vererbt. Und damit extreme Konzentration der Vermögen bei einem sehr kleinen Teil der Bevölkerung. Uns geht es nicht darum Reichtum an sich zu verbieten. Es geht darum extremen Reichtum als strukturelles Problem anzuerkennen, an dem wir strukturell etwas ändern müssen. Die neoliberale Erzählung „Jeder ist seines Glückes Schmied“ lenkt genau von diesem strukturellen Problem ab. Armut und die damit einhergehenden schlechten Lebensverhältnisse als auch Überreichtum werden auf die Verantwortung des Individuums zurückgeführt. Und wenn es das Problem des Individuums ist, können sich Politik und System entspannt zurücklehnen, weil strukturelle Probleme und Diskriminierungen nicht kritisch betrachtet werden müssen. [6] Das strukturelle Problem der Vermögensungleichheit birgt Gefahren für verschiedene Bereiche unseres Gemeinwesens. Primär für eine lebhafte und stabile Demokratie, in welcher Menschen die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben sollten sich zu entfalten. Dieses Versprechen kann jedoch bei solch einer Ungleichheit der materiellen Möglichkeiten nicht eingehalten werden. [7]

In seinem Buch „Toxisch reich“ hält Sebastian Klein fest: „Extremer Reichtum und Demokratie schließen sich gegenseitig aus.“ [7] Doch warum ist das so? Eine Antwort darauf ist uns allen schonmal begegnet: Lobbyismus. Die häufigste Einflussnahme auf Politiker*innen erfolgt über Verbände und Lobbyist*innen. [8] [9] Menschen oder Unternehmen mit hohen Vermögen (die sich oft auch so schon in denselben Kreisen bewegen [7]) können über Lobbyverbände bei Politiker*innen vorstellig werden, um ihre Interessen durchzubringen. Aber auch über Parteispenden oder fragwürdige Nebeneinkünfte nehmen Lobbyist*innen Einfluss auf Abgeordnete. [10] Das Problem dabei ist, dass die Einflussnahme nicht für die Interessen der niedrigen bis mittleren Einkommen erfolgt. Diese werden nicht beachtet bzw. missachtet. [11] Die Missachtung dieser Interessen ist ein Nährboden für Politikverdrossenheit, Abnahme der Wahlbeteiligung sowie ein an Hang zu populistischen Parteien. [12] Es entstehen Feindbilder, die oft mit einfachen Lösungen verknüpft, die langfristig und nachhaltig keine Probleme lösen werden. [7]

Eine weitere Gefahr des extremen Reichtums oder Überreichtums ist die Befeuerung der Klimakrise. Während durch Konsum eine durchschnittsdeutsche Person 11 Tonnen CO2 verbraucht, verbraucht eine Person im reichsten Prozent 83,3 Tonnen CO2 und eine Person der ärmeren Hälfte nur 5,4 Tonnen CO2. [13] Diese Ungleichheit führt zu einer geringeren Akzeptanz für Klimaschutzmaßnahmen, weil der Lifestyle der Überreichen, als etwas zum Nacheifern von der Durchschnittsbevölkerung gesehen wird. Auch aus anderen Gründen tun sich ungleiche Gesellschaften schwierig mit Klimaschutz. [14] Menschen, die kaum Rücklagen haben (jede*r zweite weniger als 2000€ und jede*r fünfte weniger als 500€ [15]) sind nicht dazu in der Lage Klimaschutzmaßnahmen, die Geld kosten mitzutragen. [7]

Dabei ist Armut immer die Kehrseite extremen Reichtums und gründet auf Ausbeutung. [7] Und Armut wirkt sich negativ in nahezu allen Lebensbereichen aus. Es fängt bei Gesundheit an und hört mit nicht vorhandener Teilhabe am Gemeinleben auf. Das wirkt sich auch auf die Wirtschaft aus. Eine Gesellschaft, die häufiger krank und unzufrieden ist produziert Kosten (für Menschen, wo die rein menschlichen Gründe gegen Armut nicht ausreichen). [16]

Ungleiche Gesellschaften sind schlechtere Gesellschaften und zwar für alle. Für eine gesunde Gesellschaft muss Ungleichheit und extremer Reichtum reduziert werden! Wollen wir die oben genannten Gefahren für unser Gemeinleben beseitigen, müssen wir dafür sorgen, das Reiche weniger reich und Arme weniger arm sind, um als Gesellschaft gesünder, sicherer und zufriedener zu sein.

Mit unseren Maßnahmen aus dem Bundestagswahlprogramm wollen wir als Die Linke Ungleichheit bekämpfen [17]:

  • Wiedereinführung der Vermögenssteuer (nur die reichsten 2,5 % davon betroffen)
  • Einmalige Vermögensabgabe (kann auf mehrere Jahre gestreckt werden und muss nicht direkt einmalig gezahlt werden)
  • Einkommen aus Kapitel wie das Einkommen aus Arbeit besteuern
  • Manager*innengehälter deckeln
  • Erbschaftssteuerschlupflöcher stopfen
  • Mehr Volksinitiativen, Volksabstimmungen und Bürger*innenentscheide
  • Etc.

Dabei bleiben wir unbestechlich und die einzige Partei im Bundestag, die keine finanziellen Spenden von Konzernen annimmt. Denn es ist eine Stimme pro Kopf und nicht eine Stimme pro Euro.

„Ungleichheit in einer Gesellschaft ist kein Naturgesetz, sondern Ausdruck politischer Entscheidungen und gesellschaftlicher Aushandlungen. Wenn genügend Menschen den Status nicht mehr hinnehmen, lässt er sich verändern.“ [7]

Quellen:

[1] UBS (2024): Global Wealth Report 2024, [https://www.ubs.com/de/en/wealthmanagement/insights/global-wealth-report.html].

[2] Schröder, C., Bartels, C., Göbler, K., Grabka, M. M., & König, J. (2020). MillionärInnen unter dem Mikroskop: Datenlücke bei sehr hohen Vermögen geschlossen – Konzentration höher als bisher ausgewiesen. DIW Wochenbericht, 87(29), 511–521. https://hdl.handle.net/10419/229426.

[3] Bundesministerium für Arbeit und Soziales. (2021). Lebenslagen in Deutschland – Sechster Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. https://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/SharedDocs/Downloads/Berichte/sechster-armuts-reichtumsbericht.pdf?__blob=publicationFile&v=2.

[4] Deutsche Bundesbank. (2025, 17. Juli). Geldvermögensbildung und Außenfinanzierung in Deutschland im ersten Quartal 2025: Sektorale Ergebnisse der gesamtwirtschaftlichen Finanzierungs­rechnung [Pressenotiz]. https://www.bundesbank.de/de/presse/pressenotizen/geldvermoegensbildung-und-aussenfinanzierung-in-deutschland-im-ersten-quartal-2025-945294#:~:text=Wenig%20Bewegung%20bei%20Verbindlichkeiten%20der%20privaten%20Haushalte&text=Insgesamt%20bewegte%20sich%20das%20Nettogeldverm%C3%B6gen,Euro%20auf%206.913%20Milliarden%20Euro.

[5] Linartas, Martyna Berenika (2025): Unverdiente Ungleichheit. Wie der Weg aus der Erbengesellschaft gelingen kann. Originalausgabe. Hamburg: Rowohlt.

[6] Ungleichheit.info. (o. J.). Deutschland. https://ungleichheit.info/de/deutschland.

[7] Klein, Sebastian (2025): Toxisch Reich. Warum extremer Reichtum unsere Demokratie gefährdet. Wir müssen reden – über Geld, Steuergerechtigkeit, Milliardär:innen, Umverteilung und die Verteidigung unserer Demokratie. München: oekom verlag.

[8] Reyher, Martin / etc. (2024): Das Lobbyismus-Experiment. Abgeordnetenwatch. https://www.abgeordnetenwatch.de/recherchen/das-lobbyismus-experiment/das-lobbyismus-experiment.

[9] Friedrichs, Julia (2024): Crazy Rich. Berlin Verlag.

[10] Eschmann, Aurel (2023): Gröner-Spenden an die CDU: Parteien, verklagt den Bundestag!. Lobbycontrol. https://www.lobbycontrol.de/parteienfinanzierung/groener-spenden-an-die-cdu-parteien-verklagt-den-bundestag-111311/.

[11] Elsässer, Lea; Hense, Svenja; Schäfer, Armin (2017): Dem Deutschen Volke? Die ungleiche Responsivität des Bundestags. In: ZPolitikwiss 27 (2), S. 161–180.

[12] Decker, Frank; Best, Volker; Fischer, Sandra; Küppers, Anne (2023): Demokratievertrauen in Krisenzeiten. Wie blicken die Menschen in Deutschland auf Politik, Institutionen und Gesellschaft? Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung. Online verfügbar unter https://library.fes.de/pdf-files/pbud/20287.pdf=z LF=3 Volltext.

[13] Kowalzig, J., Brückner, M., & Schmitt, M. (2023). Klima der Ungleichheit: Wie extremer Reichtum weltweit die Klimakrise, Armut und Ungleichheit verschärft. Oxfam Deutschland e. V. https://www.oxfam.de/system/files/documents/20231120-oxfam-klima-ungleichheit.pdf.

[14] Wilkinson, Richard G.; Pickett, Kate E. (2024): Why the world cannot afford the rich. In: Nature 627 (8003), S. 268–270. DOI: 10.1038/d41586-024-00723-3.

[15] TeamBank AG. (2025, 19. August). Umfrage: Deutliche Mehrheit der Deutschen hat Nachholbedarf in Sachen Finanzwissen [TeamBank-Liquiditätsbarometer]. https://www.teambank.de/medien/presse/umfrage-deutliche-mehrheit-der-deutschen-hat-nachholbedarf-in-sachen-finanzwissen/.

[16] Graeber, D. (2023). Die versteckte Last der Ungleichheit. DIW Berlin. https://www.diw.de/de/diw_01.c.888539.de/nachrichten/die_versteckte_last_der_ungleichheit.html.

[17] Die Linke. (2025). Alle wollen regieren. Wir wollen verändern. Reichtum teilen. Preise senken. Füreinander. – Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2025. https://www.die-linke.de/bundestagswahl-2025/wahlprogramm/.

Lesenswert:

Klein, Sebastian (2025): Toxisch Reich. Warum extremer Reichtum unsere Demokratie gefährdet. Wir müssen reden – über Geld, Steuergerechtigkeit, Milliardär:innen, Umverteilung und die Verteidigung unserer Demokratie. München: oekom verlag.

Linartas, Martyna Berenika (2025): Unverdiente Ungleichheit. Wie der Weg aus der Erbengesellschaft gelingen kann. Originalausgabe. Hamburg: Rowohlt.

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