Peter Langos ist tot.

15. Dezember 2015  Allgemein

Peter_LangosUnser langjähriger Freund und Mitstreiter Peter Langos ist gestern unerwartet verstorben.
Wir trauern.

Im September würdigte Ernst Bauer im Schwäbischen Tagblatt Peter Langos:

PETER LANGOS, EINST VORSITZENDER DES SDS IN TÜBINGEN, KRIEGT JETZT DIE EHRENNADEL DES LANDES BADEN-­WÜRTTEMBERG
Ein früher 68er erinnert sich

Einer, der bis heute eher bescheiden lebt, aber seinen Überzeugungen treu geblieben ist: Peter Langos, ein früher Tübinger 68er, längst Rentner und  inzwischen 73, kriegt jetzt die Landesehrennadel.

Tübingen. Nein, natürlich nicht für sein Engagement im SDS, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, dessen Vorsitzender er in Tübingen einst war, für seine Verdienste um die hiesige „Arbeiterbildung Reutlingen” wird Langos am 30. September im Blauen Turm geehrt.
SDS? Lange her. Verrückterweise, bestätigt der listige Altlinke, gab es den SDS ja vor den 68ern; es war sozusagen die linke Vorhut „eben, das vergisst man! Dieser Studentenbund löste sich ausgerechnet in jenem Jahr auf, als alles begann, als die Studenten in Paris und dann weltweit auf die Barrikaden gingen. Und, was viele bis heute nicht wissen: Einer der ersten Bundesvorsitzenden war, anno 1947 Helmut Schmidt, der spätere Bundeskanzler. Der SDS wurde 1946 in Hamburg gegründet, als formell unabhängiger, gleichwohl der SPD nahestehender Studentenverband. „Beschlussbuch des SDS in der Tasche.peter_langos Mit vielsagendem Lächeln legt Peter Langos beim Gespräch in der TAGBLATT-Redaktion bevor er richtig auspackt, auch alte Fotos aus Algerien und die legendäre „Notizen-­Nummer mit dem NS-­Unipräsidenten aus der Tasche zieht ein eher unscheinbares Notizbuch mit vielen Namen auf den Tisch. Ein für Uni-­Historiker sicher nicht unbedeutendes Relikt, umweht von einem Hauch Helmut Schmidtscher SDS-Bürokratie, die sich offenbar buchhalterisch bis in die 60er-­Jahre hinein erhielt das „Beschlussbuch des SDS Tübingen. Es steht eigentlich nicht viel drin außer Terminen, Themen, neuen Mitgliedern, gewählten Vorständen; darunter allerdings der berühmteste Tübinger SDSler: Neville Alexander, einst weltweit bekannter Kämpfer gegen das rassistische Apartheid-­Regime in Südafrika. Ein Stipendiat der Humboldt-Stiftung, der hier über Gerhart Hauptmann promovierte.

Langos hat ihn selber erst später, 1985, kennengelernt. Denn Alexander, Linguist und Mitstreiter von Nelson Mandela, ging schon Anfang der 1960er­Jahre wieder zurück nach Südafrika. „Dann kam ich ins Spiel”, lacht Langos: Anfang Mai 1963 begann sein erstes Semester Jura in Tübingen. Und schon am 24. Juli 1963 wurde er zum 1.Vorsitzenden des sozialistischen Studentenbunds gewählt, mit 19 : 1 : 2 Stimmen, so stehts im alten SDS­-Beschlussbuch. Ein ursprünglich recht friedlicher Zirkel von Linksintellektuellen, bevor der junge Südafrikaner dazustieß: „Der Revolutionär Neville Alexander, der hat das Ganze aufgemischt.”
Die politische Sozialisation des Genossen Peter Langos der sich wie Alexander später den Trotzkisten, der Vierten Internationalen anschloss begann in Stuttgart-­Bad Cannstatt, wo er in eher bescheidenen Verhältnissen aufwuchs: als „Scheidungskind”, bei seiner Mutter; am dortigen Kepler­-Gymnasium von einem Lehrer „mit 15 dazu verleitet, das Kommunistische Manifest zu lesen und ich war begeistert!”
Ebenfalls mit 15 Jahren arbeitete er erstmals in den Ferien in einem Metallbetrieb und stieß dann zu den „Falken, einem eigenständigen sozialistischen Jugendverband, der bis heute bundesweit aktiv ist.” „Ich war der Jüngste und gleich der Aufmüpfigste,” erzählt Langos, der sich durchaus kritisch­selbstironisch der eigenen Wurzeln besinnt.
„Ich komme ja eigentlich aus dem Osten”, grinst er; seine Familie stammt aus Halle an der Saale. Als er sieben war, 1949, haben sie „rübergemacht”. Mit seiner Mutter, einer gelernten Krankenschwester, ist er 1951 schließlich in Bad Cannstatt gelandet. Sie mussten vier Jahre von der Sozialhilfe leben. Sein Vater, ein Chemiker und einst Mitglied der illegalen KPD, war zunächst vier Wochen in Haft, wegen angeblicher Spionage. „Aber mein Vater war ein Schwein”, bilanziert Langos kurz und bündig.
Von „Falken und Algeriern politisiert
Ein Schlüsselerlebnis war für den feurigen jungen Falken damals die Begegnung mit algerischen Flüchtlingen. „In Zeiten des Algerienkriegs war Stuttgart eine Drehscheibe für Flüchtlinge”, entsinnt er sich. Es gab eine Falken­-Gruppe, die nur aus Algeriern bestand. Und Langos war einziges Falken­-Mitglied, das Französisch konnte. „So hat sich meine Liebe zur französischen Sprache entwickelt.” Seither liest Langos auch „Le Monde” täglich. Dass er in Tübingen studieren wollte, war für ihn von Anfang an klar: „Ich wollte in keine andere Stadt da ich mich auch um meine Mutter kümmern wollte”, die bei Bosch Arbeit fand und als „Badefrau im Mineralbad Berg.” Was waren damals beim SDS die wichtigsten Themen? 1963 wurde Neville Alexander in Südafrika verhaftet. „Wir haben versucht, aus Tübingen eine Solidaritätsbewegung loszutreten. Die wurde immerhin vom SDS-­Bundesvorstand in Frankfurt übernommen.”
In Tübingen gab es auch eine gewerkschaftliche Arbeitsgemeinschaft von SDS und SHB, Sozialdemokratischem Hochschulbund. Da hat Langos auch Jörg Lang
kennengelernt, den späteren RAF­-Anwalt, hat 1969 mit ihm im evangelischen Studentenwohnheim im Lamm Tür an Tür gewohnt, aber selber mit der Roten Armee Fraktion nie etwas am Hut gehabt. „Ich war kein RAF-­Sympathisant.”
Langos hatte seinerzeit sein Jura­-Studium an den Nagel gehängt. Die erste Wohnung in Tübingen, erinnert er sich bei der Gelegenheit, bekam er übrigens durch den langjährigen DKP­-Stadtrat Bialas, in der Bachgasse. Er hatte ihn beim Ostermarsch kennengelernt. „Der hoffte natürlich, dass ich zu ihnen käme”, nicht ahnend, dass sein politisches Herz längst trotzkistisch schlug. Seine Magisterarbeit in Politik was er in den siebziger Jahren studierte schrieb er über die Vereinigte Sozialistische Partei Frankreich, PSU. Und gab später selber gut und gerne 20 Seminare, auch an der
Zivildienstschule, über sein Spezialgebiet: SDS und Studentenbewegung. Bewegte Zeiten hatte er da schon hinter sich: 1964 durch Frankreich getrampt, mit SDS-­Genossen nach Algerien gereist. „Wir besuchten Leute, die ich von Stuttgart kannte. Ein Drittel der Mitglieder des SDS Tübingen waren damals Ausländer, vor allem Iraner”. Zum großen Streitpunkt wurde die Frage: „Was ist wichtiger: die Notstandsgesetze oder Vietnam?” Für Langos, den Internationalisten, im Grunde gar keine Frage: „Ich gehörte zu denen, die gesagt haben: Vietnam ist wichtiger, die sogenannte Dritte Welt”. Mit zwei Bussen fuhr man 68 schließlich zum berühmten Kongress gegen den Vietnamkrieg nach Berlin. Und wie es der Zufall will, war Langos in jenem Jahr auch in Paris, bei einem trotzkistischen Studentenbund­-Treffen; so erlebte er den legendären Studentenaufstand aus nächster Nähe: „Wir sind am 3. Mai 1968 in Paris eingereist und am 6. Mai gings los!”
Und warum nennt ihn alle Welt nur „BoPe”?
1969 hat er sich der Gruppe Internationaler Marxisten, kurz GIM, angeschlossen.
„Ingo Speidel hatte die in Reutlingen und Tübingen gegründet.” Da begann die K-Gruppen­Zeit in Tübingen, die Zeit ebenso hitziger wie zersplitterter studentischer Hochschulkämpfe. „Der SDS hat sich leider gespalten, ist 1969 zugrunde gegangen”, bedauert Langos, der aber zugleich messerscharf analysiert, historisch und dialektisch schlussfolgert, dass der SDS die Studentenbewegung erst auf den Weg gebracht habe, die Initialzündung gab für den Aufstand der Jugend, auch gegen die Nazieltern. Die Bewegung hat sich radikalisiert. „Es haben sich verschiedene Grüppchen herauskristallisiert, verselbständigt”. Wie etwa jenes von Kretschmann, dem heutigen grünen Ministerpräsidenten. Peter Langos hat eine etwas andere Karriere gemacht. 1967/68 „hätte ich eigentlich mein Examen machen sollen”. Doch er hatte bis dahin so gut wie nicht studiert. „Ich habe faktisch jeden Tag Politik gemacht”. So studierte er schließlich auch dieses Fach, zusammen mit Osteuropäischer Geschichte und Spanisch, wurde wissenschaftlicher Angestellter bei den Politologen, nebenamtlicher Dozent für Politikwissenschaft an der Evangelischen Fachhochschule, 1986 dann Berater und Leiter des Arbeiterbildungsvereins Reutlingen, bis zur Verrentung 2007. Und warum nennt ihn alle Welt bis heute nur „BoPe Bomben ­Peter? „Es gab einen italienischen Genossen, 1963, da war ich noch jünger, schlanker, agiler, ich bin hier und dort aufgetaucht er nannte mich La Bomba. Bombiger Typ”. „Ich habe fast nur Ärger mit diesem Spitznamen gehabt!

25.09.2015