Vernissage-Rede “… und nicht vergessen”

09. Februar 2020  Allgemein

Rede auf der Vernissage von Albrecht Weckmann, bildender Künstler und Kunstpädagoge aus Esslingen:

und nicht vergessen

Prof. Andreas Mayer-Brennenstuhl

mit seiner Ausstellung hier im Büro der Reutlinger Linken.

Herzlich willkommen, lieber Andreas und guten Morgen liebe Neugierige, Kunstfreunde, Reutlinger, Sonntägliche Frühaufsteher,

In einer Parteizentrale künstlerische Arbeit zu präsentieren, ist eine Entscheidung, auch auf Menschen zu zu gehen, für die Kunst keine alltägliche Begegnung darstellt. An einem Ort der Linken, wie mir der Künstler signalisierte, aber auch die Entscheidung für hohe gemeinsame inhaltliche Schnittmengen.

Also … vorwärts … auf Menschen zugehen, in Bewegung kommen, Gemeinsames finden, etwas in Bewegung bringen, etwas verändern … unentwegt, unerschütterlich, das ist, was mich an Andreas Mayer Brennenstuhl beeindruckt.

Aber der Reihe nach.

Erst einmal: wer ist dieser Andreas Mayer-Brennenstuhl

In nüchternen Fakten:geboren in Heilbronn, lebt in Nürtingen, mit Atelier in Stuttgart. Er hat an der Hochschule für Kunsttherapie Nürtingen bei dessen Gründer Prof. K.H. Türk sowie bei Gerhard Dreher Bildhauerei studiert. Es folgt das Studium freier Bildende Kunst an der Stuttgarter Kunstakademie bei Prof. Micha Ullmann.

Sein Status: Freier Künstler, Artivist (wie er sich nennt) mit dem Schwerpunkt auf Interventionen und partizipativen Projekten,
als Hochschullehrer ist er Mitbegründer des Studienganges „Kulturgestaltung“ an der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Hall sowie des „nn-institutionellen Forschungslabors für kulturelle Praxis, Transformation und Kunst als Handlungsform“.
Untrennbar zur künstlerischen Praxis zählt seine Tätigkeit als Autor zahlreicher Publikationen.

Er nennt die wesentlichen Schlüsselbegriffe seines Kunst-Verständnisses zugleich als Titel seiner aktuellen Publikation:
Installation – Intervention – Subversion – Transformation – Kooperation.
Weiter lassen sich daraus Folgende Begriffe ableiten:
Widerspruch – Differenz – Nullpunkt – Neuanfang
Hiermit finden wir auch einen Einstieg in die methodische Herangehensweise im Handeln des Künstlers.
Einen Nullpunkt finden, heißt folglich nur so einen Neuanfang entwickeln können. Darum geht es ihm. Nicht einmal, sondern als künstlerisches Credo, ja als Lebensmotto immer und immer wieder.
So erklärt sich auch seine hohe Faszination für die radikalen Neuanfänge der Avantgarden zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
So definiert sich auch sein Jakobsweg – ihn umgekehrt zu gehen, als Camino Revolta. Andreas Mayer-Brennenstuhl beginnt ihn deshalb nicht in Nürtingen, Stuttgart oder Reutlingen, auch nicht in Santiago sondern am Cabo de Finisterre, am Ende der abendländischen Welt, quasi vom Nullpunkt aus – dem Nichts.
Der Jakobsweg – nach Sankt Jakobus, auch genannt Matamoros, der Maurentöter; unter dessen Banner Kreuzritter in die Schlachten zogen, steht so für die gewalttätige Geburt Europas. Mayer Brennenstuhl strebt mit seinem Camino Revolta zum Mont Pélerin am Genfer See, weist damit auf die Société Mont-Pélérin hin.
Ein Think Tank, der für die aktuelle neoliberale Ideologie und seinen daraus folgenden verheerenden gesellschaftlichen Fehlentwicklungen steht.
Unser Protagonist mischt sich unerschrocken, unermüdlich, kontinuierlich, schier jederzeit in den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs ein – unermüdlich, heißt auch mit unerschütterlichem Vertrauen auf Wege der Transformation durch seine Interventionen.
Denn „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ Hölderlins Satz mag für dieses Credo stehen.
Dies sei als ein Beispiel zur Einstimmung auf unsere Begegnung mit Andreas Mayer Brennenstuhl genannt. Denn es kann hier nicht um die Beschreibung und Würdigung einzelner Kunstobjekte gehen. Seiner künstlerischen Arbeit kämen wir so nur bedingt auf die Spur. Es muss vielmehr um den Kosmos seines alle Lebensbereiche im Denken und Handeln gehen. Von da aus erklärt sich das Verständnis zu den hier sichtbaren Artefakten seiner Arbeit.
Seinen unerschütterlichen Glauben an die Möglichkeit der Veränderung habe ich bereits erwähnt.
Seine grundsätzliche Haltung, bei jeder Form der künstlerischen Handlung stets von einem Nullpunkt auszugehen, heißt doch nichts anderes als,
• einer Angelegenheit auf den Grund gehen,
• ein Besinnen auf grundsätzliche, umfassende, ganzheitliche Aspekte
• das Erforschen ohne Vorbehalte und Vor-Urteile
• Künstlerisches Denken vereint mit pädagogischem, forschendem, politisch motiviertem Impetus.
Sein Anliegen ist also die Verortung künstlerischer Praxis in gesellschaftlichen Kontexten – mit dem Vertrauen auf impulsgebende Interventionen in unterschiedlichsten sozialen Kontexten.
Oder wie er es nennt, mit dem Ziel der „Verschränkung von Kunst und Leben“.
Eine raumfüllende Installation „Rewriting modernity“ steht im Mittelpunkt dieser aktuellen Ausstellung.
Meint dies übersetzt die Moderne um-schreiben oder nur die Moderne umschreiben!?
Mayer Brennenstuhl unternimmt hier eine kritische Hinterfragung des Fortschrittsgedankens der Avantgarde im frühen 20. Jahrhunderts.
Der Blick fällt auf die Avantgarde russischer Künstler rund um Kasimir Malewitsch, El Lissitzky und anderen. Er hinterfragt deren zunächst vorherrschenden Glauben an einen industriellen, ökonomischen, gesellschaftspolitischen und eben auch Künstlerisch linearen Fortschritt.
Gelingt dem LKW ein Durchbruch durch die Wand oder fährt er gegen die Wand?
Gibt die Installation Hinweise auf eine fortschrittliche Entwicklung oder ist es ein Mahnmal des Scheiterns.
Ich denke, sie will auf alle Fälle den Begriff des Fortschritts als einen Linearen in Frage stellen.
Auf den genannten Begriff des Nullpunkts, eines möglichen Ausgangspunkt eines Handelns verweisen. Und als museales Objekt das Innehaltens des Betrachters provozieren.
Voraussetzung, um die verschiedenen historischen, politischen, wie künstlerischen Ebenen zu reflektieren.
Kubistisch, farbig reduziert bzw. zugespitzt ist die Formung des Hauptobjektes angelegt.
Dies gilt als Hinweis auf die verstandene kunsthistorische Nähe zum in Westeuropa entwickelten Kubismus. Dies spielt auch auf den LKW an, mit dem Kasimir Malewitschs Sarg zum Friedhof gefahren wurde. Mit Prozessionen in ähnlicher Form unterstützten die Künstler der Avantgarde Kundgebungen der Revolutionsbewegung.
Ein grauer LKW war es auch, mit dem Mayer Brennenstuhl und Aktivisten des Kunstraumes Oberwelt Stuttgart 1997 samt grauer Fahnen, Plakaten und Durchsagen mit verstörend weil unerwarteten sinnhaften oder sinnfreien Parolen auf der offiziellen 1.Mai Kundgebung auftauchten. Der LKW machte eine Runde durch die Stadt zum Marktplatz unter dem schönen Motto: „hinaus zum ersten revolutionären Betriebsausflug der Oberwelt e.V. Belegschaft“.
In dieser Ironie und Subversivität ausstrahlenden Atmosphäre, knüpfen der Künstler und die Kollegen an den historischen Avantgarden – nicht nur der russischen – sondern der global agierenden Dadabewegung an. Denn was lange nur als kurzes Zwischenspiel, ausgehend 1916 vom Cabaret Voltaire in Zürich galt, ist spätestens mit der DADA GLOBAL-Ausstellung von 1994 in Zürich als eine die künstlerischen Entwicklungen des 20.Jahrhunderts vielfach und bis heute prägendes Phänomen erkannt worden.
Damals, z.B. am 16. Juli 1919 konnte das so aussehen:
der Stuttgarter Dadaist Johannes Baader warf einen Sack Flugblätter betitelt „Die grüne Leiche“ ins Weimarer Hoftheater mit der Ankündigung, er werde auf dem Pferd der Apokalypse in die Weimarer Nationalversammlung einziehen, und werde als Oberdada und Präsident des Weltalls verkündet werden. Es fallen Sätze wie:
Wir werden in diesem Jahre noch einige Male wählen, den Präsidenten, das Volkshaus. Wir werden Weimar in die Luft sprengen, Berlin ist der Ort da da. Es wird niemand und nichts geschont werden. Man erscheine in Massen.
Und heute?
Dada ist wieder da – Ich lese heute einfach meine facebook Seite herunter:
Der Handschlag von Faschist und Liberalem – zur AFDP Verbrüderung
Euer Hufeisen ist ein Bumerang
AFD positiv
Lieber mit Nazis als garnicht regieren
Mike Mohring im Skiurlaub und Angela Merkel in Afrika
Bewegung bei Fersensporn hilft
Kemmrich war übermannt
18 neue Bienengifte genehmigt
Null Tote Radfahrer in Helsinki
„Ich kann garnicht soviel fressen, wie ich kotzen möchte“ sagte einst Max Liebermann zum Naziaufmarsch

Man möchte unseren grauen LKW weiterfahren sehen – am Liebsten durch die Wand – rein in den Thüringer Landtag!

Schließlich möchte ich noch auf ein entscheidendes Element der Installation dieses Wanddurchbruchs verweisen.
Den Kühler des LKWs ziert ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund.
Mayer Brennenstuhl zitiert damit das Symbol des Suprematismus. Suprematismus – die Lehre von der reinen Gegenstandslosigkeit.
Sein Schöpfer, Kasimir Malewitsch hat es im Zusammenhang mit der 1913 in Sankt Petersburg aufgeführten Oper „Sieg über die Sonne“ geschaffen.
Die Oper wurde zum Skandal, es blieb bei zwei Aufführungen. Schauspieler agierten mitten im Publikum, deklamierten dadaeske Wort- und Satzfetzen, die bis zur Publikumsbeschimpfung gingen. Die Handlung dreht sich um die Besiegung der Sonne durch deren Einbetonierung. In dieser irreal utopischen Farce geht es in Folge um einen Freiheitsgedanken, mit dem die Menschen überfordert sind und zugleich um ein „alles wird gut, auch wenn wir am Ende sind“.
Hier wird der Ratlosigkeit gegenüber den bestehenden Verhältnissen die Vision einer neuen Gesellschaft, ja, eines neuen Menschenbilds entgegen gesetzt. Das alles, geradezu im Vorgriff auf die Dadabewegung mit der Zerstörung tradierter Gestaltungsmittel in Bild, Musik und Wort.
Und als Bühnenvorhang das schwarze Quadrat auf weißem Grund – radikal gegenstandslos und vielleicht gerade deshalb geeignet, im Bewusstsein des Zuschauers Bilder entstehen zu lassen, die für die Utopie einer neuen Gesellschaft stehen könnten?!
Es geht – wie Andreas Mayer Brennenstuhl postuliert – auch hier, sich zurück auf einen Nullpunkt zu bringen, um Neues denken zu können.
Ist das schwarze Quadrat eine undurchdringliche Wand, ein Endpunkt der Geschichte oder öffnet sich der Vorhang und zeigt ein Tor zu einer anderen Dimension des Menschseins? Fragt der Künstler Malwitsch als Mitgestalter der Oper und fragt heute Andreas Mayer Brennstuhl.
Und stellt statt einer Antwort eine Aufforderung an uns – im Sinne der so oft missverstandenen Beuysschen These: Jeder Mensch ist ein Künstler:
Gehen wir schon im alltäglichen Leben zwischen Leben und Kunst eine aktive, weil fließende Bewegung ein.
Werfen wir deshalb zum Schluss einen Blick auf das Ausstellungsplakat.
Zugrunde liegt die Erfahrung eines jeden Autofahrers.
Wir erhalten mit der Post ein Foto von uns selbst am Steuer unseres PKWs.
Im Falle einer Beifahrerin, eines Beifahrers ziert die Frontscheibe neben uns ein weißes Quadrat.
Damit ist ein behördlicher Vorgang korrekt in Gang gebracht worden. Der Bußgeldbescheid gezielt zugeordnet, und dem Beschuldigten bleibt eine möglicherweise kompromittierende Situation durch das den Beifahrerbereich abdeckende Quadrat erspart; denn nicht in jedem Falle will man die gewählte Fahrgemeinschaft amtlich machen. Die Behörde trieb dagegen nur der Datenschutz.
Nun können wir es als schöne Fügung feiern, dass wir im behördlichen Vorgang das Zitat eines bedeutsamen Kunstwerks entdecken, nämlich das des weißen Quadrats, das wiederum ein schwarzes Quadrat beheimat.
Warum erklären wir dies Papier samt der fahrerischen Vor- sowie der finanziellen Nachleistung, die wir dazu erbracht haben, dann nicht zu unserem persönlichen Kunstwerk.
Mayer Brennenstuhl, sei verraten, hat eine kleine Sammlung solcher Werke erstellt, und er würde uns auffordern: Lasst das schwarze Quadrat auf weißem Grund nicht im Museum verstauben!
Also appelliert er an uns: erkennt im Quadrat des Polizeifotos das Malewitsch‘sche Kunstwerk, praktiziert so eure Autonomie eigenen Denkens und Handelns und um im Bild zu bleiben – geht so durch das weiter gedachte schwarze Quadrat auf weißem Grund hindurch.
Dort treffen wir uns mit dem Künstler im weißen Raum der Souveränität zum freien, schöpferischen Leben mit Kunst. Oder um es mit Malewitsch zu sagen: „Und später wollen wir auch über Nichts hinaus gehen.“
Und so könnten wir jetzt stundenlang weiter auf die Spurensuche mit dem Künstler gehen, seinen Rück- und zugleich Ausblicken in die Avantgarde, könnten räsonieren, wo den heute die Avantgarde geblieben ist, und wo wir da und dort doch etwas Aufregendes, weil Aufforderndes entdecken. Oder wir gehen ein Stück mit auf dem Camino Revolta –
In einem Essay „Gegen den Strom“ schreibt Dieter Heißenbüttel
Bis sein Neuropa erreicht sei, werde es wohl noch 100 Jahre dauern, hat ein junger Franzose zu Andreas Mayer-Brennenstuhl gesagt. “Das mag sein”, antwortet der Künstler. “Aber um überhaupt irgendwo anzukommen, muss man sich erst mal auf den Weg machen.” Und dann wanderte er weiter.
Wandern wir mit – heute mit Andreas durch seine Ausstellung, ich weiß, er hat selbst viel dazu zu sagen.
Albrecht Weckmann, 9.2.2020