Petra Braun-Seitz im Schwäbischen Tagblatt

24. Februar 2011  Allgemein

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Artikel von Bernd Ulrich Steinhilber

Kandidaten-Porträts zur Landtagswahl
Petra Braun-Seitz (Die Linke) tankt im „Nepomuk“ Kraft

Was dem einen sein Gütle, anderen Couch und „Monte Kiki“, ist der linken Landtagskandidatin Petra Braun-Seitz das Szenelokal „Nepomuk“ im franz. K: ein Ort, wo sie schon viel politisch gearbeitet hat – und sich mit ihren besten Freunden trifft.

Hier, wo sich Ambiente und politische Gesinnung in eins fügen, wie nur an wenigen Orten in der Stadt, wurde die Reutlinger WASG auf den Weg gebracht. Im Kulturzentrum franz. K füllt die Linke bei ihren Veranstaltungen regelmäßig den großen Saal. Durch eine Glastüre getrennt das „Nepomuk“ – Szenekneipe, ein Treff zum Abhängen – und, für Petra Braun-Seitz, 56, eine Quelle der Inspiration.
“Hier fühle ich mich wohl.“

Bild Tagblatt

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Und wohl fühlt sie sich bei einer Tasse Cappuccino, während sie über ihren Werdegang und ihre politischen Positionen plaudert: über die ersten Schritte als junge Schülerin bei Jungdemokraten (Judos) und FDP, über ein Schlüsselerlebnis, das sie zur kompromisslosen Anwältin der Schwachen machte, über ihre Mutterrolle, ihr sozialpolitisches Engagement, das sich durch ihr Leben zieht und zum zweiten Mal in eine Landtagskandidatur mündete – erst für die WASG, nun für die Linke.
Dabei war ihr Elternhaus in Dornstetten ein bürgerliches, der Vater Architekt, „eher Bildungsbürger“, aber als Gemeinderat ein politischer Kopf, Deserteur im Weltkrieg, jemand, der mit den Kindern über seine Erfahrungen redete. „Mein Vater hat mir die Antikriegshaltung mitgegeben“, was auch dazu führte, dass sie bei den Judos – „damals die linkeste Partei-Jugendorganisation“ – ankam, in Freudenstadt und Dornstetten „wirklich selbstverwaltete Jugendzentren“ gründete und anfing, Kriegsdienstverweigerer zu beraten.
Petra Braun-Seitz, die Kandidatin der Linken im Szenelokal „Nepomuk“: Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein.
In Tübingen studierte sie Germanistik, Pädagogik und Politikwissenschaften – 14 Semester lang. Eine Zeit, die sie auch den heutigen Studierenden gerne zugestehen würde. „Aber heute herrscht Lernbulimie“, sagt sie: „Den Stoff reinfressen und bei der Klausur alles wieder rauslassen.“
In den 90er-Jahren ist sie Elternbeiratsvorsitzende in Degerschlacht und die Kernzeitbetreuung ihr Thema. Braun-Seitz ruft den Förderverein für die Grundschule am Bildungszentrum Nord ins Leben und „installiert“ die Schulsozialarbeit. Im Jahr 2003 baut sie in Degerschlacht den Jugendtreff mit auf.
Von der Parteipolitik hatte sie sich schon mit der „geistig-moralischen Wende“ verabschiedet – und wäre ihr kaum wieder begegnet, wenn nicht Schröder die Agenda 2010 ausgerufen hätte. „Ich konnte nicht anders, ich musste mich engagieren“. Es war das Schlüsselerlebnis, das sie zur WASG führte, und darauf legt sie Wert: „Ich stehe für die Linken, die von der WASG kommen, mit dem Anliegen der sozialen Gerechtigkeit.“ Und weiter: „Ich stehe immer auf der Seite der Schwächeren.“
Und „dabei geht es auch um Steuerpolitik“, sagte sie engagiert, „und es geht darum, den Reichtum in der Gesellschaft richtig zu verteilen“, weshalb sich die Linken für die Revision der Unternehmenssteuerreform einsetzen, dafür, den Spitzensteuersatz deutlich anzuheben – und die Erbschaftssteuer leicht. Überhaupt müsse man die Reichen stärker einbeziehen. „Wir sagen auch, woher das Geld kommen soll: Da, wo es etwas gibt, muss man es holen.“ Und dann die Kinderbetreuung, wo sie das Konnexitätsprinzip anmahnt: „Wer bestellt, soll zahlen.“ Die Schiene gehöre ausgebaut. „Wir Linke müssen die Leute im Blick haben, die auf Hartz IV angewiesen sind – auch im ÖPNV. Für all die Schwachen will Braun-Seitz streiten, wenn die Partei die Fünf-Prozent-Hürde nimmt. Deshalb setzt sie auch auf Wechselwähler, die wissen, dass Schwarz-Gelb nur dann abgewählt wird, wenn die Linke ins Parlament einzieht.
Sechs Kinder hat sie großgezogen, weshalb sie als „Mutter viel Erfahrung“ mitbringe, auch viel Wissen um das Bildungssystem, das ihre Kinder durchlaufen haben. Wegen ihres Engagements bei der Arbeiterbildung weiß sie, „wie es den Arbeitslosen geht“ und als Mitglied des Verdi-Ortsvorstands, „was prekäre Beschäftigungsverhältnisse bedeuten“. Alles das fasst sie in dem Satz zusammen: „Wir brauchen keine Berufspolitiker“, „die von der Uni in die Politik gehen.“ Vielmehr benötige man im Parlament „Persönlichkeiten, die durch das Leben geformt wurden“.